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13.05.2006 - 15:30 Uhr 1 : 2 Zuschauer: 57.000 (ausv.) Schiedsrichter: Dr. Merk |
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Hamburger SV: Kirschstein, Mahdavikia, Boulahrouz, van Buyten, Atouba, Demel (81. Takahara), Jarolim, Trochowski, Barbarez, Lauth (89. Reinhardt), Ailton - Trainer: Doll
SV Werder Bremen: Wiese, Pasanen (66. Valdez), Fahrenhorst, Naldo, Schulz, Frings, Owomoyela, Jensen (90. van Damme), Borowski, Klose (79. Lagerblom), Klasnic - Trainer: Schaaf
Tore: 0:1 Klasnic (27., Klose), 1:1 Barbarez (60., Trochowski), 1:2 Klose (72., Naldo)
Gelbe Karten: Boulahrouz, Ailton, Demel, Jarolim / Borowski, Jensen
Besonderes Vorkommnis: Borowski schießt Foulelfmeter an den Pfosten (83.)
Spielbericht: Werder Bremen siegt im “10 Millionen-Spiel” bzw. in einem der beiden “Endspiele“ des 34. Bundesligaspieltages! Der große Nordrivale des SVW, der Hamburger Sportverein, hat dagegen den Einzug in die UEFA Champions League auf direktem Wege verpasst und schloss eine Saison, die eigentlich mit dem Meistertitel hätte enden können, nur auf Rang drei ab. Das ist eindeutig zu wenig für eine Mannschaft vom Format des HSV nach den über weite Strecken in dieser Saison gezeigten Leistungen. Im Gegensatz zu den Bremern können die Elbstädter nun nicht von Planungssicherheit sprechen. Da man nun in die erst im August diesen Jahres ausgetragene dritte Qualifkationsrunde für Europas Königsklasse muss, können Spieler, die sonst geblieben wären, möglicherweise nicht gehalten werden. Auf der anderen Seite verfügt man in Hamburg nach der heutigen 1:2-Heimniederlage nicht mehr über so gute Aussichten, was eine Verpflichtung des Kroaten Ivan Klasnic betrifft. Ausgerechnet der Stürmer des SV Werder erzielte nämlich heute den richtungsweisenden 1:0-Führungstreffer für sein Team. So müssen die vor der Begegnung noch auf dem zweiten Tabellenplatz stehenden Hamburger nun hoffen, bei der Auslosung keinen allzu schweren Gegner zu erwischen, denn als in der Vergangenheit nicht so häufig im Europapokal vertretener Verein sind sie nicht gesetzt und müssen mit Aufgaben wie Inter Mailand oder dem FC Liverpool rechnen.
Auf jeden Fall war an diesem Samstagnachmittag alles bereitet für Fußballgenuss und Spannung pur. Der gastgebende Club hätte mit Sicherheit 100.000 Tickets für diese beinahe historische Partie absetzen können und verkaufte letztlich deren 57.000 zu teilweise überteuerten Preisen, womit die schmucke AOL-Arena restlos ausverkauft war. Die Fans wurden Zeuge des bereits 84. Nordderbys zwischen diesen beiden Vereinen, doch zum allerersten Mal trafen sie am letzten Spieltag einer Saison aufeinander und zum ersten Mal auch bei einer derartigen Konstellation. Ein glückliches Händchen des Spielplanmachers! Nie zuvor in der WM-Spielzeit hatten zuletzt ein wenig schwächende HSVler zwei Begegnungen in Folge verloren. Ihrem 2:4 aus der Vorwoche bei Hertha BSC musste aber eine weitere Pleite folgen, um die Bremer doch noch in die Champions League zu bringen. Dafür, dass der Hamburger SV am Ende nicht erneut mit null Punkten dasteht, sollte im Sturm “Kugelblitz” Ailton sorgen, der pikanterweise lange Zeit beim SV Werder gespielt hatte. Das Hinspiel im Weserstadion hatte beim 1:1 keinen Sieger gefunden, ein Resultat mit dem sich die Hausherren bei einem Punkt Vorsprung auf die Gästeelf durchaus hätten anfreunden können, aber wie spielt man auf ein Unentschieden? So versuchte es HSV-Trainer Thomas Doll mit der etwas offensiveren Variante, bot im Tor erneut den jungen Kirschstein auf, vor ihm in der Abwehr sollten es Mahdavikia, Boulahrouz, van Buyten sowie Atouba richten und im Mittelfeld schenkte Doll dem Trio Demel, Jarolim und Trochowski das Vertrauen. Eine zurückgezogene Spitze hinter den beiden Angreifern Ailton und Lauth bildete Barbarez. Auf Seiten der Grün-Weißen sah man folgende Formation: wie gewohnt Wiese als Torhüter hinter einer Viererkette mit Pasanen, Fahrenhorst, Naldo sowie Schulz. Die Spieler Frings, Owomoyela, Jensen und Borowski agierten in der berühmten Mittelfeldraute. Keine Überraschungen auch im Sturm, wo Trainer Thomas Schaaf das K&K-Duo Klose und Klasnic aufbot, die später auch für beide Tore verantwortlich zeichneten.
Gehen wir nun rein ins Geschehen! Die Leitung des Topspiels im Hamburger WM-Stadion übernahm bei angenehmen sommerlichen Verhältnissen FIFA-Schiedsrichter Markus Merk, der vielleicht mit einem Auge immer auf die Anzeigetafel blickte und die Zwischenstände der Mannschaft seiner Heimatstadt Kaiserslautern erfuhr. In der dritten Minute kommt es zur ersten Chance. Sofort ein Achtungszeichen des kroatischen Nationalspielers in Bremer Diensten, doch kann Kirschstein Klasnic Drehschuss aus 20 Metern sicher parieren. Von Beginn an geht es hier zur Sache: Intensive Duelle prägen schon nach wenigen Minuten das Derby mit Finalcharakter. Nach sieben Minuten gibt es auf der Gegenseite die erste gute Möglichkeit. Der Kameruner Atouba wird zehn Meter vor dem Tor vollkommen allein gelassen, kann seinen Kopfball aber nicht genau platzieren und der Ball fliegt zwei Meter neben den rechten Pfosten. Nach Ablauf einer Viertelstunde lassen sich leichte Vorteile für die Doll-Elf konstatieren. Ihr optisches Übergewicht mündet allerdings bisher bis auf den Atouba-Kopfball nicht in zwingenden Chancen. Die Bremer warten zunächst ein wenig ab und schauen, was der Gegner genau vorhat. Auch nach 25 Minuten ist es noch nicht das Spiel, was sich viele erhofft haben. Wir sehen zerfahrene, von Nervosität geprägte Aktionen auf beiden Seiten, aber es steht natürlich viel auf dem Spiel. Immer wieder wird das Spiel nach kleinen, harmlosen Fouls kurz unterbrochen. Owomoyela setzt sich kurz darauf rechts im Strafraum in Szene, ist letztlich aber zu zögerlich - immerhin Eckball (27.). Dieser bringt etwas unerwartet den ersten Treffer am Nachmittag ein: Fahrenhorst wird bei seinem Seitfallzieher am Elfmeterpunkt abgeblockt. Klose erwischt den Ball halbrechts aus sieben Metern, zielt aufs lange Eck. Klasnic spritzt im Fünfer in den Ball und drückt ihn aus drei Metern über die Linie. Vier Minuten danach probiert es Bremens Frings mit einem Verlegenheitsschuss aus gut 20 Metern, doch das Leder geht deutlich am Ziel vorbei (31.). Jetzt sind es noch zehn Minuten bis zum Halbzeitpfiff, als Barbarez Ailton bedient und der von der Strafraumgrenze -durch zwei Bremer hindurch - haarscharf am rechten Pfosten vorbeischießt. So ein Treffer noch im ersten Durchgang hätte der Heimelf gut getan. Bis zur Pause blieb es jedoch beim Spielstand von 0:1 und man durfte sich fragen, ob die Hamburger, die solche Entscheidungssituationen und Spiele, in denen es um alles geht nicht so gewohnt sind, mit dem Druck umgehen können und ihre Nerven im Griff haben. Noch eine Dreiviertelstunde war Zeit; bliebe es bei dem Resultat, müsste man sich beim HSV Gedanken machen, wie Gegner wie Valencia, Amsterdam oder evtl. Arsenal London in der UCL-Qualifikation zu schlagen sind, um nicht in den UEFA-Cup zu müssen.
Direkt nach Wiederanpfiff (47.) wird Hamburgs Ailton zum wiederholten Male wegen vermeintlichem Abseits zurückgepfiffen. In dieser Szene war es aber wirklich äußerst knapp. Die 48. Spielminute und Hamburg kommt nun. Atouba flankt flach von links, in der Mitte rettet Naldo zwei Meter vor dem Tor über die eigene Latte. Ein munterer Schlagabtausch ist es jetzt. Lediglich eine Minute später köpft Klose nach Flanke von Owomoyela knapp über die Latte. Das Match steht nach wie vor auf des Messers Schneide. Fünf Minuten sind jetzt in Hälfte zwei absolviert, da ist Werder Bremen mit dem Glück im Bunde, da Schiri Merk bei einem Zweikampf im Strafraum zwischen Jarolim und Schulz, der Ball und Gegner trifft, nicht auf Strafstoß entscheidet. Die nächste gefährliche Szene lässt nicht lange auf sich warten (52.). Hamburgs Iraner Mahdavikia schießt zwar genau dorthin, wo Werder-Schlussmann Wiese steht, doch der muss sich mächtig strecken um den Ball über die Latte zu lenken. Was sich eben ein bisschen angedeutet hatte, schlägt sich nun tatsächlich im Ergebnis nieder. Die Gastgeber hatten in den letzten Minuten mehr investiert und waren nach gespielten 59 Minuten auf einmal wieder in der Champions League. Eine Freistoßflanke köpft HSV-Routinier Barbarez aus nur fünf Metern in Richtung Tor; Wiese kommt noch an den Ball, doch von seinem Arm aus fliegt der Ball in die linke obere Ecke. 1:1! Ein herber Rückschlag und das 2000. Gegentor für den Dritten in der Bundesligageschichte. Plötzlich sind die Werderaner wieder in Zugzwang.
Gut fünf Minuten im Anschluss hätte sich die Begegnung beinahe komplett gedreht. Toller Angriff der Hamburger: Lauth auf Barbarez, der halbrechts gen Strafraum losläuft. Am Sechzehner legt er quer auf Ailton, der aus acht Metern das Kunststück fertig bringt, neben den Kasten zu schießen (65.). Die nächste Chance in der AOL-Arena folgt in der 70. Minute. Der Brasilianer Ailton hätte in der Hansestadt ein Held werden können, vergibt jedoch wie schon in der 35. Minute in aussichtsreicher Position. Das 1:1 genügt ja generell, doch man weiß nie, denn der SV Werder ist immer für einen Treffer gut. Kaum sage ich es, gelingt es der Schaaf-Truppe zwei Minuten danach tatsächlich in Führung zu gehen und bereits den 1:2- Endstand herzustellen! Es wurde schließlich auch Zeit, dass Miro Klose, der Führende in der Torjägerliste, in dieser so wichtigen Partie trifft und es seinem Sturmpartner nachtut. Nach Flanke von Jensen und Kopfballverlängerung von Naldo gegen van Buyten ist Klose am Fünfer schneller als Boulahrouz und schießt mit links unter die Latte. Wahnsinn! So schnell geht es manchmal im Fußball, schon ist Bremen wieder oben auf. Werder hätte anstatt um den Ausgleich zittern zu müssen eher noch das 3:1 nachlegen können und bekam in der 83. Minute eines unterhaltsamen Spiels einen fragwürdigen Elfmeter zugesprochen. Sieben Minuten vor dem Abpfiff hatte Schütze Borowski Bremens 80. Saisontreffer und damit die endgültige Entscheidung auf dem Fuß. Er läuft an und ...Pfosten! Weiter 1:2 und ausgleichende Gerechtigkeit. Die Szene erinnerte an Kutzops damaligen Elferfehlschuss, wodurch der FC Bayern doch noch Deutscher Meister wurde. Gegen Ende der Partie versammelten sich zwar im Anschluss noch einmal alle 21 Akteure bis auf Hamburgs Torhüter Kirschstein weit in der Bremer Hälfte, doch es reichte! Werder Bremen muss nicht wie im Vorjahr in die Qualifikation und krönt eine überzeugende Saison mit dem verdienten zweiten Platz. So brach um 17:15 Uhr großer Jubel auf dem Platz und im Gäste-Fanblock aus. Sogar Trainer Schaaf ließ sich von der Euphorie anstecken.
Die Saison ist somit zu Ende, „leider“ müssen wir nicht sagen, denn in nicht mehr als vier Wochen steht mit der FIFA Weltmeisterschaft ein noch größeres Ereignis als die Bundesliga ins Haus. Zumindest die Bremer Nationalspieler, zu denen die Deutschen Klose, Borowski, Frings und Owomoyela zählen, können sich jetzt ausreichend lange auf das große Turnier im eigenen Land vorbereiten und mit Optimismus an die Sache herangehen. Gleiches gilt für Meister Bayern München, der heute im Anschluss an das 3.3 gegen Dortmund die Schale in Empfang nehmen durfte.
13. Mai 2006 - Martin Busch